Bunkai & Co

Sa, Okt 30, 2010

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Das Thema Bunkai erfreut sich seit einigen Jahren wieder größerer Beliebtheit. Viele Karateka besinnen sich wieder darauf zurück, warum Sie einmal mit dem Karate begonnen haben und versuchen zu verstehen, warum Karate einst als ein hocheffektives System zur Selbstverteidigung angesehen wurde. Über die Jahre entstanden zu diesem Thema, meiner Meinung nach, einige Missverständnisse. Mit diesem Artikel bringe ich hoffentlich ein bisschen Licht ins Dunkel und lege einfach meine Sichtweise zu diesem Thema dar.

Es geistern einige japanische Begriffe zu diesem Thema herum, die meiner Meinung nach eher verwirren als Klarheit schaffen. Hier wird dann wieder auf der Mystikschiene gefahren, so dass die Kata zu einem abstrakten Etwas verkommt, wo es ohne einen alten, weisen Meister nichts zu holen gibt und somit das Üben der Kata sinnlos erscheint, in Bezug auf ihren praktischen Nutzen.

Die am häufigsten verwendete Form der Systematisierung des Kata Studiums manifestiert sich durch die vier folgenden Begriffe, oft auch bezeichnet, als die vier Elemente der Kata.

Bunkai (分解) – Analyse, Demontage
Ōyō (応用) – Anwendung, praktischer Nutzen
Henka (変化) – Vielfalt, Variation, Änderung
Kakushi (隠し) – versteckt, verborgen

Diese Unterteilung ist meiner Meinung nach Geschmackssache. Für mich ist eine solche Unterteilung allerdings nicht logisch, vor allem vor dem Hintergrund, was alles unter diesen Begriffen verstanden wird. Laut Wikipedia ist Bunkai die persönliche Interpretation des Meisters. Oft wird darunter auch verstanden, dass es sich hierbei um die Anwendung handelt, die sich exakt und ohne Abweichungen genau an die vorgegebene Technik in der Kata hält.

Ōyō soll, so der Wikipedia-Artikel, die Interpretation der Schüler sein. Des Weiteren wird behauptet, dass die Bunkai-Techniken oft die individuellen Merkmale der Schüler nicht berücksichtigen, wie z.B. den Größenunterschied. Deshalb stellt Ōyō dann die nächste Stufe dar, in welcher dann etwas freier agiert werden kann. Hier darf dann noch die eine oder andere Bewegungen, die so in der Kata nicht zu finden ist, verwendet werden, um z.B. dem Gegner den Rest zu geben.

Bei Henka darf dann auch die Anwendung komplett von dem abweichen, was in der Kata zu sehen ist. Hier wird, laut Wikipedia, gezeigt, wie der Ausführende die Kata präsentiert und auch wie er sie sieht. Das klingt für mich nach einer individuellen Interpretation der Kata. Dies widerspricht sich mit der Definition von Ōyō. Also entweder ist Ōyō die individuelle Interpretation des Schülers oder Henka.

Unter Kakushi wird letztlich dann das mystische, geheime und mit ominösen Chi-Kräften ausgestattete, auf Vitalpunkt abzielende, verborgene Wissen der großen Meister verstanden. Manche verstehen darunter auch nur die Verwendung von Würfen, Würgetechniken und/oder Hebeln, also von nicht offensichtlichen Anwendungsmöglichkeiten. Um Kakushi weiter zu erläutern, erfolgt die Verwendung der Begriffe Omote und Okuden. Wobei Omote die offensichtliche und oberflächliche Kata-Anwendung repräsentiert und Okuden die verborgene Seite, also das Nichtoffensichtliche, repräsentieren soll. Hier werden für meinen Geschmack auch zwei Zutaten in einen Topf geworfen, die ursprünglich nicht zusammen gehörten.

Der Begriff Okuden stammt aus dem alten Graduierungssystem der Koryū-Schulen. Bevor die Gendai-Schulen das Kyūdan-System zur Graduierung einführten, wurde das so genannte Menkyo-System verwendet.

Koryū (古流) – alte Schule – bezeichnet die alten Kriegskünste Japans bis Mitte des 19.Jahrhunderts – Bujutsu (武術)

Gendai (現代) – heutige Generation – bezeichnet die modernen Kampfkünste Japans ab Mitte des 19.Jahrhunderts – Budō (武道)

Das Menkyo-System ist nicht einheitlich und unterscheidet sich von Schule zu Schule. Einige haben beispielsweise folgende Unterteilung.

Shoden (初伝) – anfängliche Einweihung in die Tradition
Chuden (中伝) – fortgeschrittene Einweihung in die Tradition
Okuden (奥伝) – innere Einweihung in die Tradition
Menkyo Kaiden (免許皆伝) – Berechtigung zur Weitergabe der Tradition

Der Begriff Omote bezeichnet in der japanischen Kultur das Offensichtliche, das Gesellschaftskonforme. Das Gegenteil von Omote ist demzufolge Ura.

Omote (表) – Oberfläche, Vorderseite, Fassade
Ura (裏) – Rückseite, Kehrseite, innere Seite

Nachdem nun sehr viele japanische Begriffe aufgetaucht sind, will ich dazu übergehen, dieses Chaos einmal in geordnete Bahnen zu lenken. Es folgt nun also meine Sicht der Dinge.

Ich verstehe unter Bunkai das Studium der Kata selbst. Ich könnte prinzipiell den Begriff Bunkai durch das Wort Studium ersetzen. Hierzu gehört allerdings nicht nur der technische Aspekt, sondern auch die Geschichte der Kata und der Vergleich möglichst vieler Versionen aus anderen Stilrichtungen. Viele scheitern schon am Begriff Bunkai selbst. Auf Wikipedia kann beispielsweise folgender Satz im Artikel zu dem Begriff Bunkai gelesen werden.

Erst das Studium des Bunkai einer Kata führt den Karateka zum Verständnis der Kata.

Ersetze ich in dem Satz, aus dem Wikipedia-Artikel, Bunkai nun mit Studium, dann steht dort, dass erst das Studium des Studiums der Kata zum Verständnis der Kata führt. Das ist für meine Begriffe nicht richtig. Beim Studium der Kata geht es darum, die enthaltenen Techniken zu analysieren und die durch sie repräsentierten Prinzipien zu identifizieren. Das Ergebnis dieses Studiums sind dann  entsprechende Anwendungsmöglichkeiten (Ōyō) bzw. eine gewisse Anzahl von Prinzipien und Strategien mit denen man dann Gewaltakten begegnen kann. Es ist also nicht das Bunkai, welches studiert werden sollte, sondern die Kata selbst, um zu einem tieferen Verständnis für die Kunst zu gelangen. Es heißt nicht umsonst Kata Bunkai – lies Kata Studium.

Bunkai ist also ein Prozess des Verstehens und dient der Erkenntnisgewinnung. Das Ergebnis des Bunkai ist dann Ōyō, die Anwendung. Da Kata von Kämpfern für Kämpfer geschaffen wurden, wird das Einmaleins des Kämpfens vorausgesetzt. Das mindeste was einem die Kata zeigt, ist, wie man eine vorteilhafte Position erlangen kann. Darüber hinaus zeigt die Kata in einigen Fällen auf, wie man diesen erlangten Vorteil aufrecht erhält oder wie man den erlangten Vorteil weiteren ausnutzen kann. Wie man einen erlangten Vorteil ausnutzt, gehört allerdings auch zum vorausgesetzten Grundwissen. Deshalb ist es wichtig beim trainieren der Anwendungen nicht automatisch aufzuhören, dort wo die Kata aufhört, sondern erst dann, wenn der Gegner unschädlich gemacht ist. Nach meinem Verständnis existieren drei Formen von Ōyō.

Omote – das Offensichtliche
Henka – die Variation
Ura – das Hintergründige

Unter Omote verstehe ich, dass die Anwendung anhand der in der Kata demonstrierten Technik erfolgt. Dies bedeutet allerdings für mich nicht, dass die Anwendung ebenfalls offensichtlich sein muss. Ich habe oft erlebt, dass dann argumentiert wurde, es handele sich um eine Art Kihon-Bunkai, für Anfänger. Hier wird dann mit Karatetechniken angegriffen und diesen entsprechend mit Karatetechniken begegnet, beispielsweise Oi-Zuki Jōdan gegen Age Uke. Das ist und war nie Sinn und Zweck der Kata. Kata beinhaltet Methoden, um sich gegen herkömmliche zivile Akte von physischer Gewalt behaupten zu können und nicht um Angriffe mit Karatetechniken zu überstehen.

Unter Henka verstehe ich dann die unterschiedlichen Variierungsmöglichkeiten hinsichtlich der Anwendungen. Itosu Ankō hielt für die Nachwelt, in seinen 10 Grundsätzen zum Tōde, fest, dass jede Bewegung mehrere Anwendungsmöglichkeiten haben kann. Es kann aber genauso gut auch eine Variation zu der unter Omote kategorisierten Anwendung sein. Hier unterscheidet sich die Anwendung nur hinsichtlich der verwendeten Waffe (Faust, Handballen, Griff), des anvisierten Ziels (Jōdan, Chūdan) und der Art und Weise, wie die Technik angewendet wird (Schlag, Hebel, Wurf). Habe ich vorher mit der Faust den Kopf attackiert, so ist es vielleicht auch möglich auf die Rippen zu zielen. Statt mit der Faust zu schlagen, kann ebenso gut auch mit der Handfläche der Ellebogen angegriffen werden, in Form eines Hebels. Hierbei können nun weitere, für den Kampf wichtige, Prinzipien identifiziert werden.

Ura ist nun die höchste Form von Ōyō. Nachdem die Kata analysiert wurde und die wichtigsten, durch die in der Kata präsentierten Techniken aufgezeigten Prinzipien identifiziert worden sind, kann jetzt relativ frei auf einen Angriff reagiert werden. Man steckt jetzt nicht mehr in der Kata fest, sondern kann jede Technik benutzen, die auf den vorher identifizierten Prinzipien basiert. Konkrete Techniken sind in Bezug auf ihre Anwendbarkeit stark limitiert und können nicht in jeder Situation eingesetzt werden. Die Prinzipien hingegen sind nicht limitiert und sind deshalb unbegrenzt anwendbar.

Motobu Chōki sagte einmal folgende Worte.

Die Techniken der Kata sind begrenzt. Dies muss jedem klar sein. [...] Trotz der Tatsache, dass Straßenkämpfe niemals gleich sind, variieren die Prinzipien in den Kata niemals. Wie dem auch sei. Man muss lernen, wie diese Prinzipien angewendet werden und wie man sich den Winden der Veränderung anpasst.

Auch Funakoshi Gichin schreibt in seinem 18. Paragraphen des Shōtōnijūkun etwas, dass in die selbe Richtung geht, wie Motobus Äußerungen.

Übe die Kata in unveränderter Form, ein tatsächlicher Kampf ist eine vollkommen andere Angelegenheit.

Die Prinzipien in der Kata ändern sich also nicht. Aber die darauf aufbauenden Techniken ändern sich hingegen je nach Situation beliebig. Und wer ein vielseitiger Kämpfer werden möchte, sollte sich die Hinweise und Ratschläge der alten Meister zu Herzen nehmen.

In diesem Sinne.

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