Der Kontext ist entscheidend!

So, Dez 9, 2012

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Karate wird manchmal von Leuten belächelt die Boxen, Kickboxen, Brasilianisches Jū Jutsu (BJJ) oder Mixed Martial Arts (MMA) betreiben. Sie gehen davon aus, dass die Methoden des Karate nicht effektiv genug sind in einem Kampf. Auf den ersten Blick mögen diese Leute vielleicht gar nicht so falsch liegen, aber bei genauerer Betrachtung sollte einem auffallen, dass diese Aussagen vollkommen aus dem Zusammenhang heraus getätigt werden und ein entscheidendes Kriterium außer Acht gelassen wird. Hierbei handelt es sich um den Kontext, denn dieser ist entscheidend. In diesem Artikel soll einmal der Kontext geklärt werden in dem Karate meiner Meinung nach eigentlich betrachtet werden sollte. Wird dieser nicht beachtet, erübrigen sich alle Diskussionen von selbst. Sie sind total nutzlos und sollten vermieden werden.

Was ist der Kontext, was ist darunter zu verstehen? Der Kontext wird durch die Regeln bestimmt, die den Rahmen für eine bestimmte Situation abstecken in der ich mich befinde oder für die ich trainiere. Dieses Regelwerk bzw. die Situation entscheidet darüber was das Erfolgskriterium ist. Der Kontext bestimmt also was einen Sieg ausmacht.

Nachfolgend zähle ich zwei Beispiele für den kontextuellen Zusammenhang zwischen Situation, Erfolgskriterium und wahrscheinlich eingesetzten Techniken ein. In einem Box- oder Kickboxkampf ist das Ziel den anderen K.O. zu schlagen oder mehr Treffer zu landen als der Gegner. Also werden hier die am meisten erfolgversprechenden Techniken zum Einsatz kommen. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Regelwerk im K-1. Egal was die Kämpfer, die im K-1 antreten, für einen sportlichen Hintergrund haben, es sieht auf Grund der Regeln und der damit festgelegten Erfolgskriterien irgendwie immer nach Kickboxen aus, egal ob der Kämpfer aus dem Karate, Boxen, Sumō, Muay Thai oder American Football kommt.

In einer SV-Situation ist das Ziel diese möglichst unbeschadet zu überstehen. Wenn ich also eine Auseinandersetzung vermeiden kann, habe ich gewonnen. Die hauptsächlich eingesetzten Methoden sollten aus den Bereichen Aufmerksamkeit, Gefahrenerkennung, Gefahrenvermeidung, Deeskalation kommen. Sollte es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung kommen, sollte die Angelegenheit so schnell wie möglich beendet werden. Da Karate ursprünglich ein System zur Selbstverteidigung war und ich es persönlich immer noch als ein solches sehe, ist für mich der Kontext hier ganz klar und ohne Ausnahme – Karate als Selbstverteidigung, also Karate für “die Straße”.

Werfen wir nun einmal einen Blick auf diverse Aussagen, die immer mal wieder in Diskussionen zu hören oder zu lesen sind und bewerten sie in hinsichtlich des gerade angesprochenen Kontextes.

Beispiel 1. – Fäuste hoch zur Deckung.

Beim Karate-Fauststoß (Seiken-Zuki) hängt eine Faust immer an der Hüfte anstatt den Kopf zu decken.

Das eine Hand an der Hüfte hängt und nicht den Kopf schützt, hat einen Grund. Der Unterschied beim Schlagen zwischen dem Boxen und dem Karate besteht in der Methode. Beim Boxen wird das “freie Schlagen” praktiziert, während dessen beim Karate das “angeheftete Schlagen” praktiziert werden sollte.

Beim Boxen mit dicken Handschuhen können die Fäuste als Deckung problemlos vor das Gesicht gehalten werden. Ohne dicke Box-Handschuhe sollte dies möglichst vermieden werden. Bei der Sportart Boxen gehört es zur Taktik sich hinter der Doppeldeckung zu verstecken und dann bei Gelegenheit anzugreifen und gezielt Schläge am Gegner anzubringen. Es entsteht allerdings ein Problem, wenn die eigenen Fäuste nicht durch dicke Handschuhe an den Fäusten geschützt sind. Sich nun hinter seinen Fäusten zu verstecken und Schläge auf die Deckung zu kassieren, ist plötzlich keine gute Idee mehr und fällt als taktisches Mittel wohl aus, denn es erfolgt eine sicherlich unangenehme Gesichtsverformung, da einem in schöner Regelmäßigkeit die eigenen Fäuste ins Gesicht gesteckt werden.

Beim Karate sollte die zweite Hand beim Schlagen dazu genutzt werden um den Gegner unter Kontrolle zu halten bzw. Hindernisse zu beseitigen. Es sollte also nie eine Hand irgendwo tot als Deckung genutzt werden sondern immer beide Hände verwendet werden. Das Prinzip dahinter nennt sich Meotode (夫婦手). Die nichtschlagende Hand hat mehrere Funktionen (siehe hier), keine davon ist das Decken des Kopfes.

Einem Karateadepten, der einen Blick auf alte Bilder aus der Bare-Knuckle-Ära des Boxens wirft, dem wird die Stellung der Hände schon sehr bekannt vorkommen. Das Bild daneben zeigt Motobu Chōki in der Meotode Haltung (Meotode no Kamaete).

Wer Karate betreibt mit der Intention sich selbst verteidigen zu können, muss darüber hinaus die anzuwendenden Möglichkeiten priorisieren. Es sollte eine proaktive Mentalität an den Tag gelegt werden. Hier ist die Taktik, die Initiative zu ergreifen und den Angreifer bis zum Ende zu dominieren. Ziel sollte es sein die Auseinandersetzung so schnell wie möglich zu beenden. In der Regel ist die Distanz zu klein, um angemessen reagieren (blocken) zu können. Das passive Verstecken hinter einer Deckung führt ebenfalls nicht an das gerade beschriebene Ziel. Aus diesem Grund ist die einzige erfolgversprechende Aktion einigermaßen unbeschadet eine Notsituation zu bestehen ein Präventivschlag und dabei ist es ebenfalls nicht notwendig den Kopf zu decken.

Beispiel 2. – Grappling und Bodenkampf.

Im Karate wird kaum oder gar kein Bodenkampf trainiert, dabei enden doch die meisten Kämpfe auf der Straße am Boden!

Ist das wirklich so? Diese Aussage kam wohl mit Hilfe einer Statistik zusammen, welche ebenfalls aus dem Kontext herausgerissen wurde. Denn was viele nicht wissen ist, dass diese Statistik im Rahmen einer polizeilichen Statistik-Erhebung zustande kam. Hier wurde festgehalten, bei wie vielen Verhaftungen der Delinquent am Boden die Handschellen angelegt bekam und dies war eben bei den meisten Verhaftungen der Fall. Tatsache ist doch viel eher, dass eine Auseinandersetzung meist nur für einen am Boden endet. Derjenige der K.O. geht, findet sich nun mal auf dem Boden wieder.

Während einer sportlichen Auseinandersetzung in einem gemütlichen Ring mit nur einem Gegner und einem Schiedsrichter ist das einem Schachspiel gleichende Grappling am Boden überhaupt kein Problem. Es ist relativ sicher. Wird einem ein schmerzhafter Hebel oder eine Würge angelegt, kann abgeschlagen werden und der Schiedsrichter trennt die Kämpfer sofort.

In einer Notsituation sollte sich niemand freiwillig auf eine Rangelei am Boden einlassen. Erstens verhindert das zu Boden gehen eine schnelle Flucht und zweitens hätte ich persönlich ein Problem damit mich freiwillig auf einen unter Umständen mit Glasscherben und Erbrochenem dekorierten Boden zu legen und eine Sache auszuringen. Bei der oben erwähnten Statistik ist das kein Problem und relativ gut nachvollziehbar, warum die Verdächtigen Personen zum Anlegen der Handschellen auf den Boden befördert werden können. Ein Polizist kann gefahrlos auf den Boden gehen, da er in der Regel Verstärkung dabei hat, die ihn absichert. Ist man allein, sollte die Fortführung einer Auseinandersetzung am Boden unter allen Umständen vermieden werden. Am Boden geht immer eine besondere Gefahr von dritten aus, da die Anfälligkeit für Tritte an den Kopf oder Messerattacken sehr groß ist, auf Grund der eingeschränkten Fluchtmöglichkeiten. Selbst wenn der Sieg gewiß scheint, kann immer noch dies hier passieren (ACHTUNG: Es ist die Anmeldung an einem Google- oder Youtubekonto notwendig um dieses Video anschauen zu können. VORSICHT: Darstellung expliziter Gewalt!)

Funakoshi Gichin hat in seiner Jugend laut eigener Aussage an vielen Tegumikämpfen (okinaw. Ringkämpfe) teilgenommen. Er kannte sich also sicherlich gut aus mit dem Bodenkampf, aber er war sich des Kontextes bewusst, denn diese Tegumikämpfe waren rein sportliche Auseinandersetzungen und Karate ist eine Kampfkunst zur Selbstverteidigung. Deshalb hielt er sicherlich folgendes in seinem Buch “Karate Dō Kyōhan” fest:

Schlagen, Stoßen und Treten sind nicht die einzigen Methoden im Karate. Wurftechniken und das Drücken gegen die Gelenke sind ebenfalls ein Bestandteil. [...] Man sollte immer daran denken, dass, obwohl das Wesentliche des Karate aus einem einzigen Stoß oder Tritt besteht und man sich niemals von einem Gegner greifen lassen sollte oder sich auf eine Rangelei mit ihm einlassen sollte, man vorsichtig sein und nicht dadurch verlieren sollte, weil man Bedenken hat, einen Wurf anzubringen oder den Gegner in einen Haltegriff zu nehmen.

Laut Funakoshi sollte sich nicht davor gescheut werden Würfe und Hebel anzusetzen, allerdings wirklich nur wenn sich einem die Gelegenheit dazu anbietet. Sollte sich eine Auseinandersetzung so entwickeln, dass es tatsächlich zu einem Gerangel am Boden kommt, müssen natürlich auch Kenntnisse vorhanden sein, die einem ermöglichen schnellstens wieder auf die Füße zu kommen. Vertieftes Wissen für einen MMA-Kampf sind absolut nicht von Nöten.

Fauststöße und Schläge mit der Hand, dem Unterarm und den Ellbogen sind die Waffen der ersten Wahl. Anschließende Methoden sind das Beseitigen von Hindernissen, das Lösen bzw. Befreien von Griffen und Umklammerungen und das Manipulieren des Gegners, so dass die primäre Methode des gezielten Schlagens wieder anwendbar ist. Zur Manipulation des Gegners gehören dann Techniken aus dem sekundären Repertoire wie Hebel, Tritte, Würgen, Strangulationen, das Brechen des Gleichgewichts sowie Würfe. Erst danach sollte sich damit beschäftigt werden, im Clinch am Boden zurechtzukommen. Entsprechend sollten die Trainingsschwerpunkte gelegt werden.

Beispiel 3. – Der untrainierte Gegner.

Das funktioniert garantiert problemlos bei untrainierten Gegnern, da diese ja keine Ahnung von Karate haben.

Hierbei handelt es wieder um eine Sache die wohl semantisch etwas näher betrachtet werden muss. Was bedeutet untrainiert? Trainiert wofür? Auf den oben abgebildeten Motobu geht folgende Aussage zurück.

Die Techniken der Kata wurden nicht entwickelt um gegen professionelle Kämpfer in einer Arena oder auf dem Schlachtfeld bestehen zu können. Sie sind am effektivsten, wenn sie gegen jemanden eingesetzt werden, der keine Ahnung von den Strategien hat, die verwendet werden können, um sein aggressives Verhalten zu erwidern.

Hier kann ich Motobu nur zustimmen. Dies bedeutet allerdings nicht, dass der Angreifer in irgend einer Weise unfähig und deshalb im Nachteil ist. Es ist eher das Gegenteil der Fall. Denn jemand der öfter jemanden schlägt, ausraubt, vergewaltigt, tötet oder ähnliches ist in einer für ihn gewohnten Situation, ganz in seinem Metier sozusagen. Hierbei sind dann eher eigentlich die Opfer solcher Attacken untrainiert. Solange jemand nicht permanent in solche Situationen gerät, sind diese eher unbekanntes Terrain für den Angegriffenen. Meist sind die Angreifer im Vorteil, sei es durch Überraschung, Intelligenz, die Anzahl der Angreifer, körperliche Attribute wie z.B. Größe oder Kraft oder durch den Einsatz von Waffen, Aufputschmittel und dergleichen. Der Gegenüber sollte niemals unterschätzt werden.

Beispiel 4. – Der Nebeneffekt-Mythos.

Diese oder jene Sache ist sehr effektiv und funktioniert in jedem Fall!

Vielen Karateschülern ist nicht bewusst, dass es einen Unterschied zwischen “Kämpfen” und “Selbstverteidigung” gibt. Sie lernen Methoden die effektiv in einem Turnierkampf sind. Sie lernen hoffentlich Methoden die effektiv in der Selbstverteidigung eingesetzt werden können. Sie sollten sich bei einer Übung immer fragen, welchem Zweck diese Übung dient und welche Ziele sie verfolgt und in welcher Umgebung eine Methode effektiv funktioniert. Was in einer hell beleuchteten Turnhalle mit schönen weichen Tatami-Matten effektiv funktioniert, ist sehr wahrscheinlich in einer dunklen regennassen Gasse mit Kopfsteinpflaster nicht sehr funktionell.

Trainiere ich mit einem Partner einen Flow-Drill muss mir bewusst sein, dass dieser nur deshalb trainiert wird, damit ich dazu konditioniert werde, für den Fall, dass etwas nicht so läuft, wie es geplant war, einen Weg zu finden schnell umzuschalten um entsprechend reagieren zu können. Nichts wäre übler plötzlich dazustehen und nicht weiter zu wissen. In einer Notsituation sollte ich alles daran setzen und die Situation so schnell es geht zu beenden und nicht anfangen am Gegner den gesamten Drill abzuspulen.

Wer Karate effektiv trainieren möchte, muss sich immer fragen wofür er trainiert (SV, Fitness, Wettkampf). In welcher Umgebung ist das trainierte wirksam und wo ist es das nicht? Es existiert kein “One Size Fits All”-Ansatz. Fit für die Matte ist nicht gleichbedeutend damit fit für den Asphalt zu sein.

Mehr zum Nebeneffektmythos kann auf der Seite von Jamie Clubb erfahren werden. Von ihm stammt der Ausdruck des “By-Product-Myths“.

Fazit: In meinen Augen ist Karate kein Sport, so wie Boxen und MMA, sondern eine Kampfkunst, die einen dazu befähigt sich selbst zu schützen. Wer es als Sport betreiben möchte, kann dies gern tun. Er sollte sich jedoch darüber im Klaren sein, dass er dann nicht automatisch in der Lage ist, sich selbst zu verteidigen. Jede Übung sollte eine entsprechende Funktion haben und gewisse Fertigkeiten schulen. Diese Zweckgebundenheit, also der Kontext, ist den meisten jedoch alles andere als klar. Deshalb sollte den Karate Schülern unbedingt erklärt werden, welches Ziel diese oder jene Übung verfolgt und warum die Dinge sind, wie sie sind und sie Techniken und Bewegungen so und so ausführen sollen. Dann sollte auch allen klar sein, warum beispielsweise die Stände so tief oder so hoch sind oder die Zughand (Hikite) an der Hüfte hängt.

In diesem Sinne.

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