Kuro Obi – Die Bedeutung des Schwarzgurtes

Do, Jan 20, 2011

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Vor einer Weile wurde ich nach dem Training wieder einmal von einem meiner neuen Karatestudenten gefragt, wie lange es ungefähr dauert, bis man denn den schwarzen Gürtel erreicht. Wie jedes mal, wenn mir diese Frage gestellt wird, sah ich mich gezwungen etwas weiter auszuholen, in der Hoffnung eine befriedigende Antwort geben zu können. Der Kuro Obi (黒帯), also der schwarze Gürtel, ist für viele Neulinge anscheinend der heilige Gral. Es ist das angestrebte Ziel, welches jeder einmal erreichen möchte und wenn ich ehrlich bin, ging es mir damals, als ich mit dem Karate anfing, ganz genauso. Aber was kommt danach? Was passiert, wenn man den Schwarzgurt erstmal erreicht hat? Für viele endet der Weg hier anscheinend.

Ich antworte in den meisten Fällen, dann so etwas wie:

Die Farbe des Gurtes ist an sich nicht wichtig. Die erlangten Fähigkeiten sind für mich persönlich ausschlaggebend und das Maß mit dem ich messe! Die alten Meister hatten auch keine schwarzen Gürtel, nicht einmal einen gelben, zumindest nicht mit der Bedeutung irgendeines Ranges. Historisch gesehen, hatte jeder Meister nur eine übersichtliche Anzahl von Schülern, deren Leistungsstand dem Meister wohlbekannt war. Der Leistungsstand ist also das ausschlaggebende Mittel, um den Fortschritt zu dokumentieren.

Doch welchen Sinn hatte dann die Einführung von bunten und schwarzen Gürteln? Rangbezeichnungen zur Unterscheidung gab es schon immer, auch in den Kampfkünsten. Allerdings wurde dies bei weitem nicht so übertrieben und kommerzialisiert wie heutzutage. Kanō Jigorō, der Begründer des Jūdō, hat wohl als einer der ersten Graduierungen für seine fortgeschrittenen Schüler eingeführt. Bei einer handvoll Schülern wäre das sicherlich nicht notwendig gewesen. Aber mit der wachsenden Popularität des Jūdō und dem damit einhergehenden Anstieg der Schülerzahl, kam er wohl nicht mehr drum herum. Funakoshi Gichin, der wohl sehr gut mit Kanō befreundet gewesen war, hat dieses Graduierungssystem dann wohl von Kanō übernommen.

Dies war also der Grund, warum ein Graduierungssystem überhaupt eingeführt wurde. Mit der stetig wachsenden Masse von Schülern und der damit einhergehenden Fluktuation hinsichtlich der Ernsthaftigkeit das harte Training nicht nur aufzunehmen sondern auch durchzuhalten, wurde ein System zur Unterscheidung der ungefähren Kenntnisse eines jeden Schülers dringend benötigt. Kanō unterschied wohl zunächst nur Mudansha (無段者) und Yūdansha (有段者), also Schüler ohne Graduierung und Schüler im Besitz einer Graduierung. Später kamen dann noch die Kyūränge dazu.

級 – Kyū – Klasse, Rang

段 – Dan – Grad, Rang, Stufe, Level

Diese Unterscheidung galt allerdings nur innerhalb einer jeweiligen Gruppe. Dies ist auch heute noch so, da jede Gruppe unterschiedliche Kriterien hat, mit der Leistung gemessen wird. Für die eine Gruppe ist es ausreichend, wenn ein Schüler die Grundlagen kennt, um ihm innerhalb von zwei bis drei Jahren einen Schwarzgurt zu verleihen. Andere Gruppen veranschlagen mindestens sieben bis zehn Jahre, um den gewünschten Leistungsstand zu erreichen.

Aus diesem Grund sind Schwarzgurte aus unterschiedlichen Gruppen schwer zu vergleichen. Während die eine Gruppen mit hohen Erwartungen an den technischen Stand eines Danträgers herangeht, wird sich die andere Gruppe über den recht hohen technischen Stand der niederen Kyūgrade wundern und sich fragen, warum diese noch keinen Schwarzgurt tragen. Aber was bedeutet es nun genau? Warum reicht es der einen Gruppe aus, das ihre Mitglieder lediglich mit den Grundlagen vertraut sind, während eine andere Gruppe einen höheren Standart für das Erreichen des ersten Dan (Shodan) für angemessen hält? Vielleicht bringt ja die Bedeutung des Begriffes Shodan etwas Licht ins Dunkel.

初段 – Shodan – Anfangsstufe, Anfängergrad

Ich denke, dass es nun klarer wird, wieso diese Unterschiede, bezüglich der Verleihung eines Schwarzgurtes zwischen den verschiedenen Gruppen, existieren. Mit dem erreichen des Shodan fängt der Weg also erst an. Als Shodan ist ein Kampfkünstler noch lange kein Meister der Kunst. Er sollte jetzt allerdings in der Lage sein, seinen Körper und seine Gliedmaßen einigermaßen koordiniert zu benutzen. Ab dem Erreichen des Shodan heißt es, kann das Lernen beginnen. Da sich der Karateka nun nicht mehr so auf die Ausführung der Bewegungen konzentrieren muss, kann er sich nun den darunter liegenden Prinzipien widmen und seine Kunst also besser verstehen lernen.

Bei dem Erreichen von höheren Dangraden ist dann allerdings oft leider viel Politik im Spiel. Wie erkennt man also, was jemand auf der Pfanne hat? Auf den ersten Blick jedenfalls nicht.
Über die Information welchen Dan jemand hat und wie lange jemand trainiert, können vielleicht erste Anhaltspunkte gesammelt werden. Einen genauen Rückschluss auf die Fähigkeiten desjenigen lassen diese Informationen allerdings nicht zu. Einen Überblick kann man nur gewinnen, wenn man vergleicht und mit möglichst vielen Leuten trainiert.

Abschließen möchte ich diesen Artikel mit einem Zitat von Alfred Rhode, dem Vater des Jūdō in Deutschland.

Dan sein heißt Vorbild sein.

In diesem Sinne.

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