Shōtōkan oder Shōtōkan?

Mo, Jan 9, 2012

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Nachdem ich meine Prüfung zum Shodan erfolgreich abgelegt hatte, beschloss ich, dass mein Gürtel, den ich von nun an tragen wollte, schön bestickt werden sollte. Also suchte ich mir im Internet einen entsprechenden Anbieter und fragte diesen nach den Kosten für die Bestickung. Dieser machte mir das Angebot, dass wenn ich die zu stickenden Zeichen liefere, die ganze Sache nochmal etwas günstiger werden wird. Also gesagt getan und der Bestellung meine gewünschten Schriftzeichen beigefügt.

Ich wollte beide Gürtelenden bestickt haben. Ein Ende sollte mit meinem Namen in Katakana verziert werden und auf die andere Seite sollte Shōtōkan Ryū Karate Dō in Kanji aufgebracht werden. Also schickte ich wie erwähnt meinen Namen in Katakana und folgende Kanji mit.

松濤館流空手道

Nach einigen Wochen war der Gürtel bestickt und kam als Päckchen mit der Post bei mir zu Hause an. Voller Freude packte ich den Gürtel aus, bewunderte ihn und musterte die Bestickung. An und für sich ist es ein sehr schöner Gürtel geworden. Es gibt allerdings leider einen Hacken. Shōtōkan wurde falsch auf meinen Gürtel gestickt. Es wurden nicht die Kanji verwendet, die ich der Bestellung beigefügt hatte.

Wie oben geschrieben, schickte ich die folgenden Zeichen mit:

松濤館

Auf den Gürtel gestickt wurden jedoch folgende Zeichen:

松涛館

Es handelt sich dabei zwar nur um ein Zeichen, aber falsch ist falsch. Für das Kanji 濤, welches “nami” oder “tō” gelesen werden kann, wurde das Kanji 涛 verwendet. Dieses kann zwar ebenfalls “nami” oder “tō” gelesen werden und bedeutet ebenfalls soviel wie Welle, aber es ist nicht das Zeichen, welches Funakoshi für seinen Künstlernamen wählte. Ein Skandal dachte ich und fragte nach. Des Rätsels Lösung ist wohl, dass das von mir gewünschte Zeichen für die Maschine, mit der die Bestickung gefertigt wurde, zu kompliziert war und man entschied sich deshalb (leider eigenmächtig) für das zweite Zeichen.

Zu dem Zeitpunkt als Funakoshi seinen Künstlernamen wählte, gab es dieses zweite Schriftzeichen noch nicht. Im Jahre 1946 wurde in Japan eine Schriftreform durchgeführt. Die damals gebräuchlichen chinesischen Langzeichen wurde durch Zeichen ersetzt, die teilweise erheblich weniger Striche aufwiesen. Davon war auch das Zeichen für Welle betroffen. Da die alten Langzeichen heute kaum noch in Gebrauch sind, wird Funakoshis Künstlernamen Shōtō heute oft mit dem neuen Zeichen für Welle geschrieben, zumindest in der westlichen Welt. Dies ist allerdings, wie schon erwähnt nicht korrekt.

Japanische Eltern wählen die Zeichen mit denen der Name des eigenen Kindes zukünftig geschrieben werden soll sehr sorgfältig und oft auch nach ästhetischen Gesichtspunkten aus. Als Beispiel soll einmal der Name des Chefausbilders der JKA für Europa und Deutschland dienen, Ochi Hideo. Dessen Vorname Hideo kann mit folgenden Kanji geschrieben werden:

秀夫, 英緒, 瑛男, 栄郎, 穎郎, 秀生, 英輔, 征良

Und das ist wirklich nur eine sehr kleine Auswahl, dennoch schreibt sich sein Vorname laut Wikipedia:

秀男

Gleiches gilt natürlich auch für deutsche Namen. Stephan oder Stefan, Mathias oder Matthias. Jeder freut sich doch wenn sein Name richtig geschrieben wird. Ich bin mir sicher Funakoshi würde sich ebenfalls freuen und deshalb sollte Shōtōkan auch korrekt geschrieben werden.

Also Shōtōkan wird mit den Zeichen 松濤館 geschrieben, nicht 松涛館.

In diesem Sinne.

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