Funakoshis Einteilung der Kata

Mo, Okt 10, 2011

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Bei dem Versuch die vielen Kata des Karate zu kategorisieren entstanden mehrere Modelle. Bekanntere Formen dieser Kategorisierung sind die Kategorisierung anhand des Fortschritts eines Karateka in Kata für Anfänger und Fortgeschrittene sowie die Einteilung nach Shōrin Ryū und Shōrei Ryū. Letztendlich sind alle Formen der Kategorisierung in meinen Augen problematisch.

Bei der Einteilung der Kata in Kata für Anfänger und Kata für Fortgeschrittene fallen heutzutage Kata in die letztere Kategorie, die allerdings in der Vergangenheit dafür verwendet wurden Anfänger in das Karate einzuführen. Die Naihanchi-Gata (Tekki), die Rōhai-Gata (Meikyō) und die Seishan (Hangetsu) seien hier mal als Beispiele genannt.

Auch die Einteilung der Kata in  Shōrin Ryū und Shōrei Ryū entbehrt nicht einer gewissen Problematik. Funakoshi Gichin schrieb in “Rentan Goshin Karate Jutsu”.

Mit der Zeit kamen diverse Strömungen unter den Namen ihrer Lehrer auf, aber tatsächlich existieren nur zwei Strömungen - Shōrei Ryū und Shōrin Ryū. Das Shōrei Ryū ist geeignet für große Leute mit großen Knochen und massiver Statur. Im Gegensatz dazu ist das Shōrin Ryū eher für Leute von kleinerer Statur, mit schlanken Körpern und fehlender Körperkraft geeignet.

In seinem Buch “Karate Dō Kyōhan” schreibt er darüber hinaus.

Dennoch, wenn Kata wirklich kategorisiert werden sollen, dann fallen sie allgemein entweder dem Shōrei Ryū oder dem Shōrin Ryū zu. Die erste betont hauptsächlich die Entwicklung der körperlichen Stärke und der Muskelkraft und ist beeindruckend hinsichtlich ihrer Intensität. Im Gegensatz dazu ist das Shōrin Ryū sehr leicht und schnell, mit rasanten Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen, was sehr dem behänden Flug eines Falken gleicht.

Diese Einteilung ging aber allem Anschein nach schon auf seine Lehrer zurück. Itosu schrieb, in seinem 1908 verfassten Brief an das japanische Bildungsministerium, dass es zwei Strömungen gibt, Shōrin Ryū und Shōrei Ryū. Leider erläutert er die Unterschiede dieser beiden Strömungen nicht.

Von Asato sind folgende Worte überliefert, nachzulesen im zweiten Teil des 1914 erschienenen Artikels “Okinawa no Bugei”.

Die Stile des Karate sind die zwei Arten Shōrei Ryū und Shōrin Ryū. Der erste ist für einen dicken Körperbau, für große Männer, die reich an Kraft sein müssen. Ason (ein Offizier) gehörte zu dieser Gattung. Der letzte ist für kümmerliche Kraft, für dünne Männer, die meist die Methode betonen müssen. Waishinzan (ein Offizier) war von diesem Stil.
Wenn wir uns anschauen, was die Schüler heutzutage in unserem Okinawa machen, dann trainieren sie in Naha häufig Shōrei Ryū und in Shuri trainieren sie häufig Shōrin Ryū. (Übersetzung Henning Wittwer)

Funakoshi teilte also die für seine Lehre repräsentativen 15 Kata folgendermaßen dem Shōrin Ryū und dem Shōrei Ryū zu.

Kata (alte Bez.) Schreibweise 1922 1925 1935
Heian (Pinan) 平安 – (ピンアン) Shōrin Shōrin Shōrin
Tekki* (Naihanchi) 鉄騎 – (ナイハンチ) Shōrei Shōrei Shōrei
Kankū (Kūshankū) 觀空 – (公相君) Shōrin Shōrin Shōrin
Hangetsu (Seishan) 半月 – (セーシャン) Shōrei Shōrei Shōrei
Bassai (Passai) 抜塞 – (パッサイ) Shōrin Shōrin Shōrin
Empi (Wanshū) 燕飛 – (ワンシュウ) Shōrei Shōrei Shōrin
Gankaku (Chintō) 岩鶴 – (チントウ) Shōrei Shōrin Shōrin
Jitte (Jitte) 十手 – (ジッテ) Shōrei Shōrin Shōrei
Jion (Jion) 慈恩 – (ジオン) Shōrei Shōrei Shōrei

*Tekki wird als Katabezeichnung erst ein paar Jahre später verwendet. 1935 benannte Funakoshi die Naihanchi Shodan, Nidan und Sandan zunächst erstmal in Kiba-Dachi Shodan, Nidan und Sandan um.

Was sofort auffällt ist, dass sich Funakoshi bei den Kata Empi, Gankaku, und Jitte augenscheinlich nicht so ganz sicher war, welcher Strömung diese denn nun angehören. Wie diese Inkonsistenzen zu erklären sind ist nicht ganz geklärt. Ob sich Funakoshi tatsächlich nicht so ganz im Klaren darüber war oder ob es sich schlichtweg um Druckfehler handelt, kann wahrscheinlich nicht abschließend geklärt werden.

Auf jeden Fall riefen diese Inkonsistenzen auch einige Kritiker auf den Plan die dies kontrovers diskutierten. Die Einteilung von Kata nach Shōrin Ryū und Shōrei Ryū hinsichtlich der körperlichen Merkmale war und ist auch heute noch ziemlich umstritten.

So fragen sich Mabuni und Nakasone wohl in der 1938 erschienen zweiten Auflage von “Kōbō Kenpō Karate Dō Nyūmon”, wenn diese Art der Klassifizierung ein gültiges System ist, warum ordnet Funakoshi einige Kata mal der einen und mal der anderen Strömung zu. Weiterhin argumentieren Sie, dass Miyagis geschaffene Kata Tenshō demnach klar zur Shōrei Strömung gehören würde, obwohl Sie wohl auf den Informationen aus einem Kapitel des Bubishis basiert, welches sich mit den “Rokkishū (六機手)” befasst. Diese werden jedoch der Shōrin Strömung zugeordnet.

Miyagi Chōjun hielt bereits 1934 in “Karate Dō Gaisetsu” folgendes fest.

Obwohl heutzutage viele Theorien zu den Strömungen des Karate existieren, ist jedoch keine davon bisher durch Studien bewiesen. Diese Theorien basieren auf vagen Spekulationen und tappen dabei im Dunkeln. Unter diesen Theorien ist eine der am meisten verbreiteten, welche das Karate in Shōrin Ryū und Shōrei Ryū aufteilt. Es wird gesagt, dass die letztere für kräftige Staturen und große Körper geeignet ist, wohingegen sich die erste für kleine, dünne Körper mit wenig Körperkraft eignet. Durch Studien und Klärung in verschiedenen Bereichen wurde jedoch klar, dass diese Theorie falsch ist.

Er äußerte sich allerdings schon 1930 in einer ähnlichen Form zu diesem Thema.

Auch Nagamine Shōshin hat zu diesem Thema eine Meinung. Er schreibt in seinem Buch “Shijitsu to Dentō wo mamoru Okinawa no Karate Dō” folgendes.

Karate wurde in zwei Gruppen oder Arten aufgeteilt – Shōrin Ryū oder Shuri-Te und Shōrei Ryū oder Naha-Te. Shōrin Ryū entwickelte sich um Shuri und Tomari herum, während sich das Shōrei Ryū in der Umgebung von Naha entwickelte. Funakoshi Gichin nahm in seinem Buch “Karate Dō Kyōhan an, dass die Ausprägungen der beiden Strömungen ein Anzeichen dafür waren, dass sie sich aus den unterschiedlichen körperlichen Anforderungen entwickelten. Er sagte, dass Shōrin Ryū oder Shuri-Te behände und schnell in den Bewegungen sei, so dass es die bevorzugte Strömung für kleine Menschen ist, deren Ziel die Meisterung der Schnelligkeit ist. Shōrei Ryū oder Naha-Te empfahl er auf der anderen Seite für große, schwere Menschen. Wie dem auch sei, nach Meinung des Autors sind Unterschiede in Statur und Persönlichkeit für das Karate nicht von Bedeutung.

Meiner Meinung nach machen Funakoshis Kritiker in dieser Sache folgenden Fehler. Sie verwenden die Einteilung der Kata nach Shōrin Ryū und Shōrei Ryū als geographisches System. Das heißt sie weisen die Kata des Naha-Te dem Shōrei Ryū zu und die Kata des Shuri-Te und des Tomari-Te dem Shōrin Ryū zu. Naha-Te, Shuri-Te und Tomari-Te werden als Begriffe so wohl erst sein den 1920iger Jahren verwendet, so dass diese geographische Einteilung eine neuere Variante ist, Kata in Shōrin Ryū und Shōrei Ryū aufzuteilen. Die Variante der Einteilung nach körperlichen Merkmalen ist demnach die ältere und darf auf keinen Fall mit der jüngeren Variante verwechselt oder vermischt werden. Dies führt dann zu den oben aufgezeigten Missverständnissen. Vielleicht kam es zu dieser Verwechselung auch auf Grund von Asatos Beobachtung, dass in Naha häufig die Kraft betont wird und in Shuri eher die Methode betont wird.

Aber selbst diese geographische Einordnung von Kata in die oben genannten beiden Strömungen ist problematisch, da es für viele Kata Übertragungslinien aus beiden Strömungen gibt. Als Beispiel soll die Kata Seishan (Hangetsu) dienen. Sie lässt sich natürlich geographisch zuordnen, allerdings taucht die Seishan dann in beiden Listen auf, denn die Matsumura Seishan aus stammt aus der Gegend um Shuri und die Aragaki Seishan aus Naha.

Da Funakoshi die Stärken beider Strömungen vereinen wollte, nahm er für sein Karate sowohl Kata, die eher die Kraft betonen als auch Kata die eher für die Entwicklung von schnellen Bewegungen geeignet sind. Als Kata die die Grundlagen vermitteln sollen, wählte er die fünf Heian-Gata zur Entwicklung von schnellen, geschmeidigen Bewegungen und die drei Tekki-Gata zur Entwicklung der Muskelkraft und Stärke.

In diesem Sinne.

2 Kommentare

  1. Mirko

    Hallo Holger-San,

    nur zu meinem besserem Verständnis: Wenn alle Formen der Kategorisierung problematisch sind, dann wirst Du Funakoshis Lösung der Mischung beider “Richtungen” wahrscheinlich sehr begrüßen, oder?

    Dazu muss ich ausgehend von Deinem Text spekulieren, dass Funakoshi vielleicht selbst irgendwann auf Ungereimtheiten bei der Kategorisierung (siehe Tabelle) gestoßen ist, weshalb er sich dann gesagt hat: Hauptsache aus beiden Bereichen ist etwas dabei, da beide Katagruppen jeweils spezifische Fähigkeiten schulen.

    Gruß, Mirko

    • Holger

      Hallo Mirko,

      ich persönlich finde solche Kategorisierungen wie erwähnt problematisch und lehne sie daher ab. Das einzig sinnvolle in meinen Augen ist die Kategorisierung von Kata nach deren Kompilator. Also sähen meine Listen wie folgt aus:

      Matsumura:
      Seishan, Kushanku, Channan etc…

      Itosu:
      Pinan 1-5, Naihanchi 1-3, Rohai 1-3, Passai (Dai, Sho) etc.

      Aragaki:
      Seishan, Niseishi, Unshu, Sochin, Suparimpei etc.

      Higaonna:
      Sanchin, Seishan, Seienchin etc…

      usw.

      Nur dann wir mir klar, welche Kata ich denn genau vor mir habe. Selbst wenn ich jetzt gesagt bekomme, dass die Seishan aus dem Shorei Ryu gemeint ist, weiß ich immer noch nicht, ob es sich um die Higaonna Seishan oder die Aragaki Seishan handelt.

      Ich persönlich finde es natürlich gut, dass Karate sowohl Schnelligkeit als auch entsprechend die Körperkraft ausbildet. Aber ich glaube, dass dies auch auf andere “Stile” wie z.B. das Goju Ryu zutrifft. Die Kata aus dem Goju Ryu werden ja geographisch dem Shorei Ryu zugeordnet. Nach körperlichen Merkmalen könnte man sicherlich die Kata des Goju Ryu nach der Methode Funakoshis bzw. Asatos neu ordnen.

      Wie diese Abweichungen in Funakoshis Zuordnung entstanden sind, ist wie gesagt nicht ganz klar. Ich tippe sehr stark auf Druckfehler. Bei einem Blick in das 1935iger “Karate Do Kyohan” findet man auf den ersten Seiten seine Einteilung wie in der Tabelle dargestellt. Ein paar Seiten weiter wird die Gankaku dem Shorei Ryu zugewiesen und die Jion ganz unterschlagen. Das war bei der damaligen Drucktechnik also sehr wahrscheinlich keine Seltenheit.

      Gruß Holger

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