Funakoshis Grundsätze zum Training

So, Mai 15, 2011

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Vor kurzem wurde ich beim Training Zeuge, wie eine Diskussion bzgl. der richtigen Ausführung einer Grundstellung entbrannte und zwar zwischen einem Dōjōmitglied und dem Lehrer. Hierbei fiel mir die Art und Weise wie dieses Mitglied agierte negativ auf. Da die Diskussion während des Trainings entbrannte, stahl diese dem Lehrer und den anderen etwas Zeit. Anstatt die Sache nach dem Training noch mal unter vier Augen zu klären, entflammte sich die Diskussion einige Tage später erneut, via Rundmail, so dass alle Dōjōmitglieder etwas davon hatten. Es wurde unter anderem auch das Argument angeführt, dass es vor 20 Jahren mal so gelernt wurde und es deshalb richtig sei. Lange Rede kurzer Sinn. Dieses Mitglied pochte auf seine Meinung über die Ausführung der Grundstellung, die leider nicht korrekt ist und war nicht mit guten Argumenten zu überzeugen.

Warum schreibe ich darüber? Ich komme später noch einmal darauf zurück.

Funakoshi Gichins Karate Nijūkajū (空手二十箇条), wahrscheinlich in der Karatewelt eher bekannt als Shōtō Nijūkun (松濤二十訓) und der JKA-Dōjōkun (道場訓) sind weitestgehend bekannt. Weit weniger bekannt sind Funakoshis Grundsätze zum Karatetraining.

In seinem 1943 erschienenen Buch „Karate Dō Nyūmon“ veröffentlichte Funakoshi Gichin seine Grundsätze zum Training. Hierbei handelt es sich um sieben, kurz von Funakoshi kommentierte, Absätze.

Nachfolgend habe ich mal diese sieben Grundsätze aufgeführt.

1. Da Karate eine Kampfkunst ist, müssen Sie von Beginn an mit der größtmöglichen Ernsthaftigkeit üben.

2. Versuchen Sie exakt das zu tun, was gelehrt wird, ohne sich zu beklagen oder herum zu kritisieren.

3. Wenn Sie eine neue Technik erlernen, dann üben Sie diese, bis Sie sie wahrhaftig verstehen.

4. Führen Sie sich nicht auf, als wären Sie ein großer Meister und vermeiden Sie es, mit Ihrer Stärke anzugeben.

5. Achten Sie stets auf Höflichkeit und seinen Sie respektvoll und gehorsam gegenüber Ranghöheren.

6. Ignorieren Sie Schlechtes und orientieren Sie sich an Gutem.

7. Denken Sie sich den Alltag als Karatetraining.

In seiner 1956 veröffentlichten Biographie „Karate Dō – Ichiro | Karate Dō – ein Weg“ formuliert Funakoshi dann seine sechs Regeln zum Karate Dō – Karate Dō Rokkun (空手道六訓). In der englischen Übersetzung, ist die Nummerierung angeblich unvollständig. Kurios, denn die dritte Regel ist darin enthalten, nur eben ohne die entsprechende Nummer 3 davor. Da die deutsche Ausgabe dieses Buches eine Übersetzung der englischen Ausgabe ist, ist selbiges Kuriosum hier ebenfalls enthalten.

Auf Nachfrage bei Henning Wittwer, der diese Regeln für sein exzellentes Buch „Shōtōkan – überlieferte Texte ~ historische Betrachtungen“ übersetzt hat, bestätigte er mir, dass die Nummerierung in der japanischen Ausgabe vollständig ist.

Nachfolgend aufgeführt, ist nun meine Interpretation der sechs Regeln des Karate Dō Rokkun.

1. Die Ausübung des Karate muss mit größter Ernsthaftigkeit erfolgen.

2. Es muss mit Herz und Seele geübt werden, ohne sich um die Theorie zu kümmern.

3. Beim Erlernen einer Technik muss diese tiefgründig erfasst und verstanden werden.

4. Einbildung und Rechthaberei müssen vermieden werden.

5. Es sollte sich an guten Beispielen orientiert und schlechte Dinge verworfen werden.

6. Das öffentliche und private Leben sowie das Training orientieren sich an ethischen und moralischen Tugenden.

Die sieben Grundsätze, die Funakoshi 1943 aufstellte, sind nahezu identisch mit den sechs Regeln des Karate Dō Rokkun von 1953. Klar zu erkennen sind auch die Inhalte aus den 20 Regeln zum Karate die er zwei Dekaden vorher aufstellte. Vielleicht sind die Grundsätze zum Training ja auch lediglich aus dem Karate Nijūkajū herausgelöst worden, da sie sich speziell auf das Training beziehen.

Kommen wir zurück auf den eingangs erwähnten Vorfall und beleuchten diesen einmal hinsichtlich der von Funakoshi aufgestellten Richtlinien, wie das eigene Üben bzw. das Üben in einer Gruppe richtig durchgeführt werden sollte.

Den Versuch, den Lehrer hinsichtlich der Ausführung einer Grundstellung verbessern zu wollen, werte ich persönlich als Respektlosigkeit und Rechthaberei bzw. als Besserwissertum. Im gleichen Atemzug wird sich mehr um die Theorie gekümmert, sprich diskutiert, als sich der Übung zu widmen und das zu tun was der Lehrer an Übungen vorgibt. Wie soll eine Technik bzw. die darunter liegenden Prinzipien voll und ganz verstanden werden, wenn die Ausführung mangelhaft bzw. fehlerhaft ist? Bei einer latenten Beratungsresistenz ist hier allerdings keine Verbesserung in Sicht. Es soll sich an guten Beispielen orientiert werden. Das heißt, der Lehrer wäre in dem Falle schon mal ein guter Ansatzpunkt. Zu einem Lehrer geht man in der Regel, um was zu erlernen. Und einem schlechten Lehrer wird man wohl nicht lange folgen. Selbst wenn man irgendwann und irgendwo mal etwas gelernt hat, so mahnt Funkakoshi an, sich selbst und seine Technik ständig zu hinterfragen. Wenn es um das eigene Vorwärtskommen geht und wenn man stets um eine stetige Verbesserung bemüht ist, sollte man dazu bereit sein, Fehler einzugestehen und zu berichtigen oder Dinge ganz einfach zu verwerfen.

Was lernen wir daraus? Training ist erst dann Training wenn weniger diskutiert und konzentrierter und härter geübt wird. Um die Theorie kann man sich dann auch noch nach dem Training kümmern.

In diesem Sinne.

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